Wilhelm Salber

Psychologische Morphologie



Seelenrevolution Seelenrevolution

Deutet man die Kinoproduktionen dieser Jahre als Ausruck für den Zustand unserer Kultur, dann zeigt sich eine wachsende Sehnsucht nach Untergang und neuem Leben. Da verwüsten Außerirdische, Wirbelstürme und Kometen die Erde und ermöglichen der Kultur den kompletten Neuanfang. Die erneute Verfilmung der Schiffskatastrophe der Titanic und im wirklichen Leben der Tod von Lady Di lösen Bewegungen aus, die sich ganz der Untergangsfaszination widmen. So befinden wir uns vor dem magischen Datum der Jahrtausendwende in einem Zustand, der den Untergang herbeisehnt und gleichzeitig in panischer Angst vor dem ungewissen Neuanfang lebt. Wir verharren vor dem magischen Datum in einem Moratorium und warten auf den großen Knall. Jeder weiß, dass es so nicht weitergehen kann, aber die Aktivität erschöpft sich - vorerst - in fiebrigen Abschluss-Ritualen und der Vorbereitung auf die große Millenniums-Party.
In welche Richtung sich unsere Kultur nach der Jahrtausendwende entwickeln wird, ist heute noch nicht absehbar. Sicher ist nur: Unser Leben wird anders werden, getrieben von dem zentralen Wunsch der Menschen, aus der digitalen Beliebigkeit auszubrechen und wieder in das Schicksalsdrama des Lebens einzutauchen. Die Menschen werden getrieben sein von einer neuen Schicksals-Sehnsucht: Sie wollen wieder ohne Wenn und Aber - mit aller Entschiedenheit - einem Lebenssinn folgen, der packt und begeistert. Dabei werden sie auch bereit sein, Schmerzen, Rückschläge und Opfer in Kauf zu nehmen.
Nie gab es so viele "Freiheiten" wie heute. Und selten wurden Menschen so geschickt und komplett gegängelt wie heute. Wie passt das zusammen? In den westlichen Gesellschaften reduziert sich die wirkliche "Freiheit" auf die freie Wahl zwischen Rasierwasser, Urlaubsorten, Katzenfutter, Lebensversicherungen. Alles andere nimmt ein bürokratisch-industrieller Komplex seinen Bürgern ab. Er nimmt ihnen vieles Lästige ab, er nimmt ihnen aber auch in zunehmenden Maße Steuern und Gestaltungsmöglichkeiten ab.
Die Erfindung des "Privaten" machte es möglich, den einzelnen von gesellschaftlich wirksamen Entscheidungen fernzuhalten und ihm zugleich das Gefühl von "Freiheit und Abenteuer" zu geben. Das "Individuum" lebt in einem Zustand des Auskuppelns: isoliert von seinen Mitmenschen, losgelöst von der Gesellschaft, wirkungslos einer staatlich-wirtschaftlichen Automatik gegenüber. So kann es seiner "Selbstverwirklichung" frönen, ohne die Abläufe des großen Zuteilungs- und Verwaltungskomplexes zu stören.



[Zum Seitenanfang]

Neuester Stand Veröffentlichungen Texte
Sprüche Bücher Schwerpunkte
Texte Texte Texte Texte Texte Texte Texte Texte Texte Veröffentlichungen Veröffentlichungen Veröffentlichungen Neuester Stand Neuester Stand Neuester Stand