Wilhelm Salber

Psychologische Morphologie



Film und Sexualität

Bei der Analyse des Filmerlebens tritt das Doppelte (und Dreifache) seelischer Gegenstände eindrucksvoll zutage. Die Zuschauer verfolgen eine story, die im Alten Rom oder in China spielt, und sie sind zugleich hier und jetzt bewegt durch (universale) dramatische Verhältnisse, in die sie selbst verwickelt sind. Die story ist eine Ereignis-Folge, doch zugleich ist ein "Mehr" da: die Dramatik der Verhältnisse einer Sache, die uns erregt und mitnimmt. Wir werden ein lebendiger Gegenstand, der sich entwickelt zwischen Ordnung und Chaotischem, Zwang und Freiheit oder zwischen Aneignen und Angeeignet-Werden. Der Metamorphose dieser bedeutungsvollen Verhältnisse entsprechend werden wir in Filmen zu "Wegen" - auf ein happy end oder auf Scheitern zu. Wir werden zu Ungeheuern, wir werden zu Idyllen, wir werden zu Tänzen, zu Entdeckungsfahrten, zu Kampf-Feldern, zu "Prozessen". Über die story hinaus erfahren wir aktuell und im Originaltempo seelischer Entwicklungen, wie sich unsere Verhältnisse herstellen, wie sie sich drehen und wenden, wie sie durch ein ganzes Werk entfaltet werden. Je nachdem welcher Gegenstand unseren Regungen Gestalt gibt, suchen wir die Wirklichkeiten ab nach Halt, nach Bewegungsmöglichkeiten, nach Gefahren, nach Entlastungen.
Durch diese "Komplexentwicklung" des Films werden die einzelnen Ereignisse der story weiterentwickelt, ausgelegt und auch umkategorisiert. Dabei kann alles, was sich abspielt - Freundliches, Feindliches, Landschaften, Vorgänge - die eine Entwicklung des bewegenden Gegenstandes vorantreiben. Es wird zu einer Wirklichkeit auf dem "Weg zur Hoffnung" oder beim Kampf gegen Verkehrungen oder bei einer Entdeckungsreise ins Neuland. Daher hat es nicht viel Sinn, einen Film "an sich" von dem seelischen Betrieb abzutrennen, der das alles ins Leben bringt. Filme werden getragen von Wirkungseinheiten, die bedeutungsvollen Gegenständen die Chance geben, ihr System "auf einen Sitz" in anderthalb Stunden zu entfalten und zu entwickeln.

Film und Sexualität

Entwicklungen der Psychologie Sigmund Freuds

Gestalten stellen eine letzte Erklärung auch bei Freud dar. Der "Kernkomplex", die ödipale Situation, ist nichts anderes als eine Gestalt; sie umschreibt anschaulich, ganzheitlich und entwicklungsfähig ein Gesetz der Eltern-Kind-Beziehung. Wenn wir etwas zu interpretieren suchen, indem wir diesen Kernkomplex anführen, verstehen wir ein Geschehen als geordnet gemäß einem solchen "Urbild". Man tut gut daran, sich zu erinnern, daß "Ödipus" kein abstrakter psychologischer Begriff ist, sondern eine Gestalt der griechischen Mythologie. Die Gestalt umschließt einen dramatischen Vorgang, der Schlüsselbegriff für die Erklärung einer ganzen Reihe von Phänomenen wird.
Ranks Versuch, den Typus der an den Vater fixierten Tochter in verschiedenen Variationen aufzuweisen, zeigt den Ödipuskonflikt in verschiedenen Modifikationen und Entwicklungsstufen. Die verschiedenartigen Handlungen, die wir bei solchen Mädchen beobachten können, sind aus dem Kernkomplex abzuleiten und verständlich zu machen. Die an den Vater fixierte Tochter sucht nach Rank gleichsam eine Grundtatsache in einer Fülle von Entwicklungsmöglichkeiten zu entstellen (Sprossformen); dennoch ist alles, was sie tut, gegründet in dem Bemühen, eine bestimmte Gestalt in alldem zu erhalten. Die bildhafte Ganzheit bleibt erhalten: ob sie andere Männer nach diesem Bilde wertet oder formt, ob sie sich tyrannisieren lässt oder tyrannisiert, ob "männermordend" oder
"-verachtend", immer lässt sich das, was hier als Phänomen zu beobachten ist, gliedhaft in die Gestalt des Ödipus-Problems einpassen, aus ihr entwickeln oder ableiten.
Das ist wie bei einer Karikatur, wo eine anschauliche Gegebenheit auf eine andere anschauliche Gegebenheit (Typus) bezogen wird; die "wahre" Gestalt von Politikern etwa enthüllt sich dann als Säuglingsschwester, Polizist, lockende Sirene. Bei Rank wird das einzelne Verhalten von einer zentralen Gestalt aus verstanden, auch dann, wenn das Verhalten scheinbar das Gegenteil besagt. Von der gestalthaften Erklärung aus kann entgegengesetztes Verhalten ähnlich, ähnliches Verhalten entgegengesetzt sein. Es gehört zum Wesen der bedingenden Form, dass wir aus ihr unterschiedliche Verhaltensweisen ableiten können.

Die Entwicklungen der Psychologie Sigmund Freuds

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