Wilhelm Salber

Psychologische Morphologie



Psychästhetik Psychästhetik

Der "Inhalt" von Kunst und Seelischem ist Verwandlung; das bestimmt die Produktion, und die Kunst bringt das zutage. Es sind wirklich Verwandlungen; sie lassen sich nicht abschwächen in "Phantasievorstellungen" oder "Einfühlungen". Die Gestaltwandlungen, die Ovid, Flaubert, Joyce, Kafka, Märchen, Mythen und Heilige Schriften darstellen, vollziehen sich tatsächlich. Aus Menschen werden Götter, aus Göttern Naturwesen, Natur wandelt sich in Menschen, Menschen in Werke von Natur, Kunst, Industrie (Austausch).
Wie wir uns bewegen in den Entwicklungen von Wind und Wetter, auf den Wegen und Umwegen von Reisen und Landschaften, so bewegen wir uns auch in den Entwicklungen von Geschichten, Bildern, Behandlungen - ihre Wendungen haben etwas voneinander und sind doch anders, sie sind eins und zugleich zwei und drei - sie sind Verwandlungen. Was wir als Zusammenhang und Gegeneinander verspüren, dieses "Indem" wird herausgeführt im Strömen, in Festwerdendem, in Auseinandersetzung und Gliederung. Das ist eine sich ordnende Unruhe, eine Entwicklung in Verzweigungen, Verstärkungen, Abschwächungen, Vermittlungen.

An der Karnevals-Verfassung zeigt sich sowohl, wieso die Inhalte des Seelischen mit Verwandlungen zu tun haben, als auch, wie jede Verwandlung nur durch gestalthafte Verhältnisse, Bilder, Entfaltungen und Konsequenzen ins Leben kommt. In "drei tollen Tagen" haben Verwandlungstendenzen, die von den vertrauten "typischen" Verwandlungssorten abweichen, eine Chance, zum Ausdruck zu kommen. Das ganze Märchenarsenal steht für Auftritte zur Verfügung, in denen wir probieren, wie sich die Dinge anders machen ließen und wie es sich ausnähme, wenn sich die Verwandlung einmal ins Gegenteil des Üblichen wendete. Es gibt genug Witze darüber, wie aus den braven Bürgern dann auf einmal Engelchen und Teufelchen werden.
Abgestützt wird diese Umtauschaktion von Verwandlungen, indem sich die (neue) Verwandlung mit allen anderen Verwandlungen familiär und gemein macht — im Essen, Trinken, Singen, Schunkeln, Sich-Näher-Kommen. Das steht in einem bestimmten Verhältnis zu der Neigung, bei den tollen Verwandlungen die vertrauten Setzungen der Wirklichkeit umzukehren — das Heilige ins Unheilige und Obszöne, kunstvolle Konstruktionen ins Banale und Materiale, das Geordnete in eine Fruchtbarkeit, die alles mögliche gedeihen läßt.
In diesen Verwandlungsprozessen wird vieles zerdehnt, aufgelöst, karikiert und zugespitzt, was allzu selbstverständlich geworden war. Die Unruhe, die dabei entstehen kann, wird aber auch beim Karneval durch eigene Rituale, Lieder, Ordnungen, Sitzungen, "Züge" in eine Gestalt gebracht. Das ergänzt sich mit den Ausgestaltungen, die sich aus den Verwandlungs-Bildern ergeben, nach denen man im Karneval auftreten will.



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